Bevor ich mein Industriedesignstudium an der FH Darmstadt begann, habe ich ein Buch über das Bauhaus in Weimar, Dresden und Dessau verschlungen. Von überall aus Deutschland strömten damals junge Menschen, teilweise zu Fuß, dem Bauhaus entgegen um dort eine vollkommen neue Gestaltungskultur mitzuentwickeln, eine neue Gesellschaft zu schaffen und die Welt zu verändern. Wenn ich nicht gewusst hätte, welches Inferno auf die Menschen der 20er und 30er-Jahre wartete, hätte ich mich in diese Zeit gewünscht.

Das Studium der gestalterischen Grundlagen absolvierte ich bei Prof. Heinz Habermann, der auf die Grundlagenlehre des Bauhauslehrers Johannes Ittens aufbaute. Auch in Darmstadt herrschte der klare, sachliche, schnörkellose Stil der klassischen Moderne und das Bauhaus war unser stilles Vorbild.

Das Bauhaus und die Esoterik

Als ich über 2 Jahrzehnte später in einer Buchhandlung einen Bildband mit dem Titel: „Das Bauhaus und die Esoterik entdeckte, fiel ich aus allen Wolken. Das passte gar nicht in das Bild, das ich all die Jahre hatte. Einige Jahre zuvor hatte ich begonnen mich mit den hebräischen Buchstaben zu beschäftigen, die Astrologie für mich aus dem Eck der Kristallkugelleser gezerrt und das hatte einen ganzen Topf an Aha-Erlebnissen geöffnet. Die Welt hatte begonnen durch ihre Formen mit mir zu sprechen und ich hatte begonnen mich zum Teil auch trotzig gegen meine alten Lehrer und Vorbilder zu wenden und alles zu hinterfragen, was ich gelernt hatte.

Bauhaus und Bauhütten

Dass das Bauhaus auf die gotischen Bauhütten Bezug nimmt, kann man schon im Namen erahnen. Doch es sollte nicht nur einen Bezug über den Namen geben und der Tatsache, dass alle gestalterischen Gewerke unter einem Dach zusammengebracht werden sollten. Die Pläne gingen viel weiter. Und dazu lasse ich den Architekten und Gründer des Bauhauses Walter Gropius (1883- 1969) persönlich seine Pläne erläutern:

»… kleinen Gemeinschaften, Verschwörungen, Brüderschaften, die in Stille und Verschwiegenheit unbekümmert ein untrennbares Geheimnis hüten und die Fahne der Kunst endlich wieder heraustragen werden aus dem Alltagsschmutz. Bauhütten, wie im goldenen Zeitalter der Kathedralen.« *

Gropius plante

»ein heiteres ungekünsteltes Zeremoniell […] das einen Glanz von Feierlichkeit auf unsere Runde wirft.« *

Interessant sind die Inhalte die bei den Zusammenkünften behandelt werden sollten.

»… Geometrie, Astrologie, Systemlehre und Geheimkunde des Hüttenwesens …« *

Johannes Itten – Grundlagen der Gestaltung

Wie kein anderer Lehrer im Bauhaus war der Schweizer Maler und Kunsttheoretiker (1888 – 1967) den allgemein gültigen Gestaltungsgesetzen auf der Spur. Alma Gropius-Mahler soll eine gute Freundin des Mazdaznan Anhängers Itten gewesen sein und teilte mit ihm das Interesse an theosophischen Themen. Sie soll ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass ihr Mann den Maler ans Bauhaus berief.

Einen Hinweis darauf, dass für ihn die Zahl eine geistig-philosophische Qualität besaß, entdeckte man in seinen Tagebüchern:

»Gott ist eine mit Bewegung begabte Zahl.«

Aber noch viel eindeutiger weisen seine Farbstudien, vor allem „Mensch im Farbkreis (1919/20) darauf hin, dass er die tiefere Bedeutung und Wirkung der Farben zu systematisieren versuchte. In Studien versuchte er die Farben nach astrologischen Aspekten, der Temperamentenlehre, den vier Elementen, alchemistischen oder mineralogischen Kriterien oder in Musikanalogien zu ordnen. in einer Tagebuchaufzeichnung von 1918 notierte er, dass es:

»blaue und gelbe und rote Menschen (gibt und) dass auf einen blauen Menschen ein Gelb anders wirken würde als ein Violett. Der blaue wie der rote Mensch erkennen beide Gelb als Gelb, aber die Auslösung des psychischen Reflexes wird durch die Farbe Gelb bei den zwei verschiedenen Menschen verschieden sein.« *

Bei all seinen Forschungen und Entdeckungen über die Gesetzmäßigkeiten der Form blieb für ihn die Intuition des Gestalters das Maß und er formulierte das in seinem Buch „Kunst der Farbe 1970 so:

»Die Kenntnis der Gestaltungsgesetze soll nicht ein Gefängnis sein, sondern frei machen von Unsicherheit und schwankendem Empfinden. […] Wie die Schildkröte ihre Glieder unter ihr Schild zieht, um sich zu schützen, so zieht der Künstler sein Wissen zurück, wenn er intuitiv schafft. Wäre es aber für die Schildkröte besser, wenn Sie keine Glieder hätte?«

Da bin ich mit meinem Urvater der Gestaltungsgrundlagen vollkommen einig. Und so erlebe ich es täglich. Die Beschäftigung mit den Gesetzmäßigkeiten und das allmähliche Durchdringen der geheimen Ordnung hinter den Formen hilft meiner Intuition eigentlich nur auf die Sprünge und ich beginne, wie ein Grundschüler die neu erlernten Buchstaben langsam zu Worten zu formen.

 

*Aus „Das Bauhaus und die Esoterik“, erschienen anläßlich einer Ausstellung „Johannes Itten – Wassily Kandinsky – Paul Klee. Das Bauhaus und die Esoterik“ im Museum im Kulturspeicher Würzburg 22. Januar – 22. April 2006.